„Alles Große ist ein Trotz.“ So lautet eine von vielen profunden Weisheiten des Mannes, der 1929 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde und heutzutage oft als „Goethe des 20. Jahrhunderts“ betitelt wird. Aus Sorge vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, denen sich Thomas Mann mit vehementen Worten entgegenstellte, verließ er Deutschland 1933 und kehrte erst vier Jahre nach Kriegsende für eine Lesereise nach Frankfurt und Weimar zurück. An ebendiesem, auf wahren Ereignissen basierendem Punkt setzt Paweł Pawlikowski in Gestalt seiner 7. Leinwandproduktion ein und porträtiert das Post-Exil des Schriftstellers. Bei den Filmfestspielen von Cannes gewann der gebürtige Pole den Preis für die „Beste Regie“ – und schon nach kurzer Zeit offenbart sich deutlich: Hochverdient!

Die Koproduktion von vier europäischen Ländern erinnert an eine beinahe aus der Zeit gefallene Reisechronik, in dem Heimat zu einem maßgeblichen Element wird. In Schwarzweiß gedreht, zeichnet sich der nicht einmal anderthalb Stunden umfassende Film durch Konsequenz, Schlichtheit sowie historische Stilsicherheit aus und wird ummantelt von einer brillanten Kameraführung, die stark an Hanekes „Das Weiße Band“ erinnert. Das zunehmende Gezerre zwischen Ost und West – das gerade in der kurzen Übergangszeit vor der sich abzeichnenden deutschen Teilung, wurde exzellent illustriert und die Rückkehr des Autoren & seiner dolmetschenden Tochter Erika gleicht alsbald einem (nicht ganz uneigennützigem Kulturkampf) im Schatten der düsteren Vergangenheit und mit der Hoffnung des Neuanfangs. Gesprochene Worte kommen nur sporadisch vor, doch es sind gefühlt immer die richtigen.

Das Ensemble agiert wie in einem Kammerspiel, das auch auf der Theaterbühne bestehen könnte und trotz vieler Nebenfiguren verbleibt der Fokus durchgängig auf dem Vater-Tochter-Gespann. Sandra Hüller – in ihrer dritten Kinorolle im Jahr 2026 zu bewundern – verleiht dem wiederholt gespenstisch stillen Film Tiefe und Identifikation, gleichwohl ruhen die darstellerisch nachwirkendsten Szenen auf ihren Schultern, während Hanns Zieschler und August Diehl in den Rollen als Thomas & Klaus Mann ebenfalls Idealbesetzungen darstellen.

„Vaterland“ gleicht in Summe einer Illustration des Schmerzes – sowohl auf familiärer als auch historischer Ebene, ist aber auch Spiegel eines sich in heutigen Tagen unverkennbar verschärfenden Kontrasts eines unfreiwillig entzweiten Volkes. Als sich Thomas Mann in der Schlussszene neben seiner Tochter auf einer Platte einer im Wiederaufbau befindlichen Kirche niedersinkt und dem Orgelspiel lauscht, verspürt man sowohl Wehmut, Ehrfurcht als auch ein gewisses Maß an Flauheit im Hinblick auf die Zukunft. „Vaterland“ darf seit heute in den deutschen Kinos angesehen werden – und sollte es auch. Schon jetzt darf sich Polen große Hoffnungen auf eine Nominierung als „Bester Internationaler Film“ im kommenden Frühjahr machen.



Danke Stefan für deine pointierten Kritik! Willkommen zurück 👋 Freu mich wirklich sehr darüber!
Bin gespannt was Paweł Pawlikowski uns da wieder an Großartigkeit serviert, fand ich ja schon IDA und COLD WAR absolut brilliant!