
Mit seiner Idee, Troja durch eine List einzunehmen, in denen sich die Männer im Bauch eines hohlen Holzpferdes versteckten, wurde der griechische König Odysseus (Matt Damon) zum Helden. Doch nach diesem Coup war ihm das Glück nicht hold. Viele Jahre sind seither vergangen, er und seine Männer irren noch immer auf dem Meer herum und müssen zahlreiche Gefahren bestehen bei dem Versuch, wieder nach Hause zu kommen. In der Zwischenzeit hat sich die Lage in seinem Heimatreich Ithaka zugespitzt. Denn während seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachos (Tom Holland) noch immer daran festhalten, dass Odysseus eines Tages zurückkehrt, haben sich längst zahlreiche Freier dort versammelt. Antinous (Robert Pattinson) und mehrere Dutzend weiterer Männer spekulieren darauf, dass Penelope sich neu vermählen wird und dadurch der Thron neu besetzt werden kann…
Unbestritten ist erst einmal, dass Die Odyssee ein visuell beeindruckendes Spektakel geworden ist. Nolan beweist einmal mehr, dass er ein außergewöhnliches Gespür dafür besitzt Filme zu inszenieren die sich wohltuend vom üblichen CGI-Einheitsbrei abheben. Auch dieses Mal setzt er auf praktische Effekte, echte Kulissen und die Verwendung von analogem Filmmaterial, was dem Film eine besondere Authentizität verleiht. Auch Puristen der Romanvorlage werden sich freuen, dass Nolan nicht versucht den Stoff komplett zu verbiegen und die wichtigen Handlungselemente alle unterbringt. Vom Zyklopen Polyphem, über die Zauberin Kirke (im dt. gesprochen Zirze), die Sirenen und Kalypso, um nur ein paar Stationen zu nennen. Alles findet sich auch in Nolans Odyssee wieder. Sie alle werden mal mehr, aber auch mal weniger gut in Szene gesetzt und zusammen mit den Darstellern muss man hier sagen, der Film hat alles, um auf dem Papier ein großartiges Epos zu werden. Doch liegt der Teufel im Detail oder in der Natur eines Christopher Nolans, der jedem Film seinen unfreiwilligen Stempel aufdrücken muss.

Und hier beginnt es wohl, wo die Geister sich an Die Odyssee scheiden werden. Seit Nolan 2017 Dunkirk produzierte, kommen wir nicht umhin eine Entfremdung zu ihm festzustellen. Seine Filme wurden nicht mehr gemacht, um gute Geschichten zu erzählen, sondern vor allem um ein Vehikel für filmische Spielereien zu sein. Oft überstilisiert, mangelte es ihnen an einer stringent und gut erzählten Handlung. Das alles mündete im überaus erfolgreichen und gefeierten Oppenheimer 2023. Doch oft wirken seine Filme trotz aller Brillanz emotional distanziert, das Herz hinter der beeindruckenden Inszenierung fehlt. Zwar hält er sich dieses Mal mit allzu experimentellen Ideen zurück, kann es aber dennoch nicht lassen, sein typisches erzählerisches Markenzeichen einzubringen. Das Ergebnis sind zahlreiche Zeitsprünge und ein teils hektischer Schnitt, der dem Film nicht immer guttut und einen der größten Knackpunkte die nur schemenhaft angelegten Charaktere, die oft auch nur als Stichwortgeber fungieren, was angesichts dieses Massiven Hollywoodcasts fast schon einer Verschwendung gleicht, auch wenn vor allem Anne Hathaway, John Leguizamo, Samantha Morton und Lupita Nyong´o herauszustechen wissen. Dagegen wirken Theron mit ihren zahlreichen Schönheitsoperationen und Zendaya erschreckend fehlplatziert. Generell hätten für bestimmte Rollen unbekanntere Gesichter deutlich besser gepasst, aber Nolan bzw. der Produktion an sich ging es in diesem Punkt sicherlich nicht um groötmögliche Authentizität, sondern dass große Namen viel Gewinn versprechen.
Aber erstmal zur Erzählstruktur: Anstatt die Geschichte der Odyssee chronologisch zu erzählen, verwebt Nolan immer wieder Rückblenden an die Belagerung Trojas mit Visionen und Szenen auf Ithaka. Gleichzeitig erlebt Odysseus in Kalypsos Gefangenschaft seine Erinnerungen erneut und arbeitet sich so Stück für Stück durch die Stationen seiner Irrfahrt. Der erzählerische Mehrwert dieser Struktur erschließt sich uns allerdings nicht, im Gegenteil. Sie hat spürbare Auswirkungen auf die Wahrnehmung des Stoffes. Statt einer epischen Fantasygeschichte zu folgen und mit den Figuren mitzufiebern, bleibt der Zuschauer oft auf emotionaler Distanz. Die ständigen Sprünge nehmen der Handlung ihre Wucht und verhindern, dass eine echte Bindung zu den Charakteren entsteht. Besonders deutlich wird dies bei den Gefährten von Odysseus. Obwohl seine Mannschaft während der zehnjährigen Irrfahrt immer weiter dezimiert wird und Odysseus wiederholt alles daransetzt, seine Männer zu retten, bleiben sie weitgehend konturlos. Ihre Verluste gehen nahezu beiläufig an einem vorbei. Auch die großen Momente der Reise und die Begegnungen mit den mythologischen Wesen werden eher wie Punkte auf einer Checkliste abgearbeitet, anstatt ihnen den Raum zu geben, ihre volle Faszination und Bedeutung zu entfalten. Dabei gibt es hier auch echte Höhepunkte.

Vor allem die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem sorgt für einen wohligen Nervenkitzel und driftet stellenweise beinahe ins Horrorgenre ab. Visuell mag seine Gestaltung allerdings ungewohnt wirken, doch Polyphem entfaltet schnell eine bedrohliche Präsenz und bleibt nachhaltig im Gedächtnis. Umso enttäuschender ist es, dass Nolan hier eine der fragwürdigsten kreativen Entscheidungen der gesamten Verfilmung trifft. Odysseus trägt viele Beinamen, allen voran den des „Listenreichen“. Davon bekommt der Zuschauer im Laufe des Films allerdings nur wenig zu spüren. Zwar wird auch hier Polyphem geblendet, doch ausgerechnet die entscheidenden Momente dieser Episode fehlen vollständig, da er diesen Wein zu trinken gibt, diesen sogar mit seinen Mannen herstellt und ihn im alkoholisierten Zustand zu überlisten versteht. Gerade die Begegnung mit dem Zyklopen definiert Odysseus wie kaum ein anderes Ereignis der Vorlage. Hier beweist er nicht nur seine außergewöhnliche Klugheit, sondern offenbart zugleich seine größte Schwäche: Seinen Stolz. Im Film sucht man den berühmten „Niemand“ jedoch vergebens, jene List, mit der Odysseus Polyphem täuscht und erst die Flucht seiner Männer ermöglicht. Ebenso fehlt der anschließende Moment des Übermuts, in dem Odysseus dem Zyklopen leichtfertig seinen wahren Namen verrät und damit die verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang setzt. Dabei ist es gerade diese Mischung aus Genialität und Hybris, die den Charakter des Odysseus so faszinierend macht. Indem Nolan diese Schlüsselmomente streicht, beraubt er die Geschichte eines ihrer wichtigsten erzählerischen und emotionalen Fundamente.
Auch die anderen Episoden schwanken immer wieder zwischen coolen Ideen und fragwürdigen Entscheidungen. Die Momente bei Kirke sind visuell spannend umgesetzt, aber lustlos aufgelöst. Doch die größte Enttäuschung ist der tödliche Strudel an der Meerenge, der nicht langweiliger dargestellt hätte werden können, unrühmlich getoppt aber noch von den Szenen um Charybdis. Das Schlimme daran, diese ganzen Momente passieren oft ohne Spannungsaufbau, sind oft nach wenigen Minuten einfach abgehakt und entsprechend gleich wieder vergessen. Das wird Homers literarischer Vorlage nur in Ansätzen gerecht. Sorry.

Was Nolan bei diesen Momenten an Zeit spart, investiert er dagegen an anderen Stellen. Vor allem sein Sohn Telemachos wird für die Handlung massiv ausgebaut, um Tom Holland mehr Leinwandzeit zu geben, jedoch bleibt dieser unfassbar blass und liefert wohl die schwächste Leistung des gesamten Ensembles ab. Zudem sind diese Passagen leider auch unnötig und machen vieles unnötig zäh. Dies macht sich bereits in den ersten 15-20 Minuten des Films bemerkbar, bevor überhaupt auch nur Matt Damon in Erscheinung treten kann und mündet in einem Finale in Ithaka, dass zwar inhaltlich treu der Vorlage ist, aber gefühlt eine Ewigkeit in die Länge gezogen wird und einen nicht unerheblichen Teil der Laufzeit verschlingt. Positiv sei hier aber anzumerken, dass die Szenen um Odysseus und Penelope, bevor die Gewalt ausbricht die emotional Stärksten des ganzen Filmes sind.
Was auch immer wieder positiv besprochen wird ist die Tonarbeit und Ludwig Görranssons Score. Schon beachtlich, was da aufgefahren wird, um auf der tonalen Ebene authentisch zu wirken. Das teils die altgriechischen Instrumente extra hergestellt worden ist beachtlich und wird sicherlich honoriert werden, auch wenn die eindringlichen Kompositionen dieses Mal nicht ganz die Brillanz von Sinners, Oppenheimer oder Black Panther (für die er jeweils einen Oscar erhielt) erreicht. Die Tonarbeit ist krass, da bebte tatsächlich das gesamte Kino, jedoch gibt es auch Passagen, da versteht man vor lauter Gewummer die Figuren kaum, aber das stört kaum, denn das hat auch einen gewissen realistischen kreativen Charme. Visuell ist auch lobenswert, dass Nolan versucht an so vielen Stellen echtes Licht einzufangen und mit echtem Film zu arbeiten. Warum dann aber die digitale Nachbearbeitung so radikal sein musste und den Farben jedwede Intensität geraubt wird, bleibt ein weiteres Rätsel. Es wirkt alles so farb- und trostlos, was vielleicht zur Stimmung, aber eben nicht zu den bereisten Orten passt. Und auch das Licht bleibt so eine Sache, denn viele Szenen gehen in einer Dunkelheit unter, die an die Schlacht um Winterfell in Game of Thrones erinnert.

Ich will auch gar nicht zu tief in die Materie einsteigen, welches Potenzial in diesem Film noch gesteckt hätte, denn trotz berechtigter Kritikpunkte ist er ja bei weitem kein schlechter Film. Aber im Vergleich zur Miniserie von 1968, die allgemein als beste Verfilmung des Stoffes zählt, kommt Nolans Hollywood-Adaption eben dann doch nicht heran. Mögen sich manche Zuschauer an den überstilisierten Rüstungen oder einzelnen Castingentscheidungen stören, all das spielt an dieser Stelle für mich letztlich keine entscheidende Rolle. Viel schwerer wiegt, was Die Odyssee auf dem Weg zu seinem Finale liegen lässt: die vielen Möglichkeiten, die dieser Stoff geboten hätte. Weniger kritische Nolan-Fans werden aber dennoch voll auf ihre Kosten kommen und ihn in den Himmel loben. Wer jedoch bereits mit seinen letzten Filmen fremdelte und sich eine emotionalere, klassisch erzählte Adaption der Vorlage erhofft hatte, dürfte am Ende zu einem ähnlichen Fazit gelangen.
Fazit: Die Odyssee erzählt die bekannte Geschichte um den umherirrenden griechischen König als Mix aus Fantasieabenteuer und Antikriegsdrama. Das ist zwar nicht so konsequent, wie es wünschenswert gewesen wäre. Sehenswert ist das Epos aber allemal, dass zwischen fragmentarischem Trauma, Horrorfilm und Blockbusteraction hin und her wechselt.

