Kino,Rezensionen Corpus Delicti

Corpus Delicti

© Leonine

„Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Sie ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern sichtbar gewordener Wille.“ Dieser Satz findet sich nicht nur in abgewandelter Form in den Statuten der WHO, sondern bildet auch eines der zentralen, Mantra-artig vorgetragenen Credos in einer dystopischen Literaturverfilmung, die pünktlich zum Start in den Oktober ihren deutschlandweiten Kinostart erlebt. Basierend auf dem ursprünglich als Bühnenstück konzipierten, gleichnamigen Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh lebt die Gesellschaft Mitte des 21. Jahrhunderts in einem totalitären, datenhörigen Kollektiv, in dem Blutwerte mittels Chip automatisch ermittelt werden, ein Alkohol- und Rauchverbot herrscht und Sperrzonen zum Alltag gehören. Die sogenannte „Methode“ ist dabei Ausdruck einer Gesundheitsdiktatur mit Anspruch auf Unfehlbarkeit, in der weder Grundrechte noch Menschlichkeit existieren und drakonische Strafen bei Zuwiderhandlungen drohen. Obwohl die literarische Basis bereits aus dem Jahr 2009 stammt, wirkt die Thematik in mehrfacher Hinsicht brandaktuell & führt obendrein vor Augen, dass sich ein wirkungsvoller Science-Fiction-Film nicht zwingend in den Weiten des Weltalls abspielen muss.

Als besonders brisant erweist sich Lena Stahls Produktion, weil sowohl augenscheinliche Parallelen zur Vergangenheit, Gegenwart als auch mutmaßlich Zukünftiges bestehen, denn Analogien lassen sich sowohl auf die COVID-Pandemie, das Erstarken von Parteien an radikalen Rändern und den zunehmenden Gesundheitswahn als auch den einschüchternd hohen Einfluss von KI herstellen. Ähnlich wie ein Metronom schwingt das Pendel konsequent zwischen Minimalismus und beklemmender Sterilität, sodass speziell die Kulissen derart klinisch anmuten, dass die Drehorte inmitten von Prag und Berlin zur Nebensache werden. Abseits der Haupthandlung um einen sexualisierten Mordfall bleibt jedoch im Dunkeln, welches Ereignis den fundamentalen Systemwandel auslöste und wohl auch deswegen wirken die Motive einiger Nebencharaktere mitunter oberflächlich und gleichen im Kontrast zu dem Geschwisterpaar Mia und Moritz eher wie Schachfiguren. Neben der gelungenen Kameraarbeit, die dank abrupter Perspektivwechsel einen Sog entwickelt, sticht jedoch die akustische Gestaltung besonders hervor. Der Soundtrack von Volker Bertelsmann, der zuletzt für „Konklave“ eine hochverdiente Oscarnominierung einheimste, ist ein wahres Glanzstück, das dröhnende Opulenz und Sensibilität miteinander verbindet.

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In der Rolle der zunächst systemtreuen Neurologin Mia, die trotz erheblicher Zweifel an dessen Unschuld ihren Bruder verteidigt und dadurch schrittweise zur Staatsfeindin wird, liefert Hannah Herzsprung eine Darbietung voller Souveränität und glaubhafter, innerer Zerrissenheit. Damian Hardung stellt allerdings die bei Weitem größte Überraschung auf darstellerischer Ebene dar, denn ihm gelingt es, die Charakterentwicklung vom unbekümmert-renitenten Freigeist, der nach seiner Anklage erst in Rage, dann zunehmend in Resignation verfällt, absolut mitreißend und nachfühlbar abzubilden. Und auch Alexander Fehling hat man seit „Im Labyrinth des Schweigens“ nicht mehr so überzeugend gesehen und wird zur Symbolfigur der Überwachung, die an schlimmste Stasi-Zeiten erinnert.

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Summa summarum ist „Corpus Delicti“ aufgrund seines nicht vollkommen ausgeschöpften Potentials zwar kein Meisterwerk, aber ohne den mindesten Zweifel ein Beispiel für eine ambitionierte Mixtur aus Drama, investigativem Thriller und Sci-Fi-Parabel, die Denkanstöße liefert und nachwirkt und die oft so karge, einseitige deutsche Kinolandschaft bereichert. Darüber hinaus verlässt man den Kinosaal nicht nur mit einem beklemmenden Gefühl, sondern auch mit einem gewissen Maß an Dankbarkeit, weil die düstere, entmenschlichende Zukunftsvision glücklicherweise nicht deckungsgleich mit der Realität ist, die zwar hinsichtlich des Gesundheitssystems die ein oder andere Unzulänglichkeit aufweist, aber in der das Individuum einen besonderen Stellenwert hat, den es zu bewahren gilt.

D 2026 – 103 Minuten
Regie: Lena Stahl
Genre: Drama / Krimi / Justizthriller / Science Fiction
Darsteller: Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Christian Friedel, Imogen Kogge, Haley Louise Jones, Leopold Hornung, Agnes Decker, Ludger Bökelmann

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